Mit Manon und dem Glück der Tüchtigen

Mit Manon und dem Glück der Tüchtigen

Die Drittligadamen des MTV 1860 Altlandsberg schlagen die Aufsteigerinnen des TSV Wattenbek mit 30:28 (19:17) und freuen sich darüber so sehr, dass es fast gleichgültig ist, dass die Sache mit nur ein wenig mehr Pech auch anders hätte ausgehen können.

Wenn an der Chaostheorie auch nur ein Fünkchen Warheit dran sein sollte, dann war das kollektive Durchatmen in der Altlandsberger Erlengrundhalle nach Abpfiff der Partie MTV gegen TSV mindestens für zwei bis drei mittelprächtige Orkane über dem Pazifik gut. Endlich wieder zu Hause gewonnen. Endlich wieder überhaupt gewonnen. Und das nicht etwa aus Versehen, sondern verdient. Soweit auch Glück eine Rolle gespielt haben mag, dann war es das Glück der Tüchtigen.

Dabei deuten die Grün-Weißen bereits in der Startphase der Begegnung an, dass sie an diesem Samstag Abend weit mehr vorhaben, als nur mitzuspielen. Es sind erst sechs Minuten gespielt, da liegen die MTV-Damen bereits mit 5:3 vorne. Die “Peitschen”, wie sich die Wattenbeker Handballerinnen selbst nennen, sind sichtlich erstaunt. Hatten sie mit so viel Gegenwehr und Angriffselan der Tabellenvorletzten nicht gerechnet?

Aber selbst wenn, so haben sich die TSV-lerinnen kurz geschüttelt und dann gezeigt, weshalb sie am vergangenen Wochenende gegen Buxtehude II “nur” mit 19:21 verloren haben, nachdem sie einen 7:1 Start zu ihren Gunsten hingelegt hatten. Gegen den MTV gleichen sie erst aus (5:5 in der 10. Minute), um dann selbst mit vier Toren in Front zu genen (11:7 in der 17. Minute), um diese Führung, wenn auch mit Schwankungen, die nächsten sechs Minuten zu halten (15:11 in der 23. Minute).

Wer im Nachhinein angibt, zu diesem Zeitpunkt gedanklich keine weitere MTV-Niederlage eingepreist zu haben, macht sich und anderen etwas vor. Was also gab den Ausschlag, dass sich dieser Abend aus Sicht der Altlandbergerinnen samt ihres Anhangs so erfreulich anders weiter entwickelte?

Zum einen der Wechsel auf der Aufbauposition zu Tülay Bayram. Der erst befreite Martyna Rupp zumindest teilweise von den ungeliebten Regieaufgaben und erlaubte es der 27-jährigen Altlandsberger Mannschaftskapitänin, sich auf den Teil des Handballspiels zu konzentrieren, der ihr (und ihren Fans) ohne jeden Zweifel am meisten Freude bereitez: Tore werfen. Schlugen bei Martyna Rupp bis dahin lediglich zwei Treffer zu Buche, sollten nun sechs weitere folgen. Bei fast jedem einzelnen konnte man bis auf die Tribünen spüren, wie sie sich den zwischenzeitlich angesammelten Frust von der Seele ballerte. Und auch Tylay Bayram selbst, krönte eines ihrer bisher besten Spiele für den MTV mit einem kompromisslosen Schlagwurf, der seinen Weg durch Freund und Feind hindurch zum zwischenzeitlichen 16:16 Ausgleich ins gegnerische Netz fand.

Und zum anderen die Einwechslung von Manon Vernay zwischen die Pfosten Altlandsbergs um die 20. Minute herum. Die 28-jährige Franko-Australierin erwischte einen, wie man gemeinhin so sagt, Sahnetag par excellence. Angefangen vom Sieben-Meter (den allerdings auch Yania Silva Alfonso zuvor im Altlandsberger Tor vereitelte), über die schärfsten Würfe aus den Positionsangriff, bis zu eigentlich unhaltbaren Granaten aus dem Tempogegenstoß, hielt Manon Vernay alles, was auch nur irgendwie physikalisch haltbar schien, und noch das eine oder andere darüber hinaus. Mit jedem abgewehrten Wurf, peitschte sie mit eindeutiger Gestik und unzweideutiger Mimik erst sich selbst, dann ihre Mannschaftskameradinnen und letztlich die Fans des MTV nach vorne.

In die Pause verabschiedeten sich die beiden Teams beim Stand von 19:17 für den MTV. Daran sind zwei Dinge bemerkenswert: Erstens gab es in dieser Saison bereits zu viele Spiele, in denen die Grün-Weißen selbst nach 60 Minuten keine 19 Treffer hatten erzielen können. Zweitens die MTV-Führung zur Halbzeit an und für sich. Den zwei-Tore-Vorsprung konnten die Schützlinge von MTV-Coach Sebastian Grenz im zweiten Durchgang zwischenzeitlich auf vier Treffer erhöhen. Zuletzt in der 57. Minute Dank des dritten Tores von Tina Stehlik – auch sie lieferte ihr bisher vielleicht bestes Spiel im MTV-Dress ab – und den anhaltend hochklassig-coolen Aktionen Manon Vernays im Altlandsberger Kasten.

Mit anderen Worten: Der Sieg flog den MTV-Mädels nicht zu. Sie mussten ihn sich von der ersten bis zur letzten Sekunde erarbeiten, erkämpfen. Gegen einen Gegner, für den das Etikett Aufsteiger fast schon einem Akt irreführender Propaganda gleichkommt. Die Wattenbeker Mädels sind hervorragend ausgebildet, technisch beeindruckend begabt und hochmotiviert in dieser 3. Liga unterwegs. Und sie stecken zu keinem Zeitpunkt auf. Beim Stand von 30:26 und noch wenig mehr als drei Minuten auf der Uhr gingen, sie zu offener Manndeckung über. MTV-Co-Trainer Bernd Tobeck hatte das den Grün-Weißen zwar prophezeit, es verunsicherte die Gastgeberinnen aber dennoch hinreichend genug, um zwei weitere gegnerische Tore zuzulassen. Respekt.

Respekt am Ende aber auch und vor allem den tapfer kämpfenden MTV-Damen. Sie haben sich diese zwei Punkte und erst Recht den Applaus und das dankbare Lob ihrer Fans redlich verdient. Aber Sebastian Grenz tritt mit Macht auf die Euphoriebremse: “Das war ein wichtiger Sieg, Aber es war einer von vielen, die wir noch nötig haben. Der Spielverlauf hat hingegen gezeigt, dass wir noch nicht so stabil sind, in mentaler wie athletischer Hinsicht, wie wir es sein müssten. Letztlich konnten wir uns des Erfolges erst sicher sein, nachdem die Unparteiischen abgepfiffen haben. Wir arbeiten derzeit von Spiel zu Spiel daran, dass das anders wird.” Dass das Team diesbezüglich auf dem Weg der Besserung ist, kann man beispielsweise an der Leistungskurve Lucyna Trzczaks ablesen. Sie wird immer besser und ihre Trefferquote immer verlässlicher. Gegen Wattenbek gelangen ihr bemerkenswerte neun Treffer.

Apropos Spiel zu Spiel: Das nächse Wochenende wartet gleich mit zwei davon auf. Denn die Liga macht zugunsten der 2. Runde des HVB-Pokalwettbewerbs Pause. Die MTV-Mädels müssen nach Werder, wo sie um 17:20 Uhr auf – Achtung! – den Frankfurter HC und 18:30 Uhr auf den gastgebenden HV Grün-Weiß Werder treffen.

MTV:

Manon Vernay (Tor), Yania Silva Alfonso (Tor), Tülay Bayram 1, Josephine Dähne 3, Ann-Catrin Höbbel 4/1, Sophia Mattisseck, Christine Miniers 1, Bernadet Mudri 1, Martyna Rupp 8, Vanja Smiljanic, Marlene Steffen, Tina Stehlik 3, Lucyna Trzczak 9, Melanie Wüstner.

Foto: Evi Sellert

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