Dritter Platz mit fünftem Trainer – das war megastark

Dritter Platz mit fünftem Trainer – das war megastark

Die Drittliga-Saison 2016/17 ist für die MTV-Frauen Geschichte. Es ist Zeit, um in einem ausführlichen Interview mit dem 33-jährigen Trainer Andy Nötzel noch mal etwas in die Tiefe zu gehen. Was denkt der Mann, der hauptberuflich als Teamleiter in der Immobilien-Branche tätig ist. Der zuvor zwei Jahre lang die Männer von Rotation Prenzlauer Berg in Berlin trainiert hatte und der die Altlandsberger Frauen mit Beginn der Rückrunde von Interimscoach Thomas Klatt verantwortlich übernahm? Was für Erkenntnisse hat Andy Nötzel? Und wie plant er das Kommende? Heute der 1. Teil.

Das vergangene Wochenende – war es für Dich endlich ein Handball-freies Wochenende?

Nicht ganz. Ich habe mir das Pokal-Final-Four der Berliner Frauen mit dem klaren Sieg der Füchse angesehen. Mal gucken, ob da noch jemand für uns dabei war. Am Sonntag habe ich dann mit meiner Mama Muttertag gefeiert. Wir sind schön essen gegangen, mit leckerem Spargel… Und dann habe ich mich wiederum mit dem Vorbereitungsplan für die neue Saison beschäftigt.

In der 3. Liga Ost wurde es, wie in der Saison zuvor, der 3. Platz. Wie beurteilst Du dieses Gesamtresultat?

Ich deutete es ja in den vergangenen Tagen schon mal an. Das war von der Mannschaft megastark. Sportlich ist dieser Platz nicht hoch genug zu würdigen. Das bewerte ich persönlich sogar noch höher als den ersten Platz und den Aufstieg der Füchse.

Warum das?

Die Berlinerinnen waren ganz stark, keine Frage. Zumal die Füchse-Damen wohl zunächst nach dem selbst beschlossenen Rückzug aus der ersten Bundesliga wegen finanzieller Gründe niemand so richtig einschätzen konnten. Aber dann verstärkten sie das Team immer mehr mit hochkarätigen Zugängen oder Rückkehrern. Sabrina Neuendorf, Alexandra Swiridenko oder Bianca Trumpf, die die ersten Saisonspiele noch bei uns absolvierte, sind einige Namen. Das war dann eine in der dritten Liga unschlagbare Truppe. Da konnten weder Zweitliga-Absteiger Kirchhof, noch Meister Fritzlar oder wir mithalten.

Was im Falle MTV ja auch spezielle Gründe hatte…

Stimmt. Wir haben eine Saison mit unglaublichen Turbulenzen hinter uns. Ich bin in relativ kurzer Zeit bereits der fünfte Coach, mit dem die Frauen klarkommen mussten. Erst im vorigen Sommer die kurzen Episoden mit zwei Trainern, bei denen es gar nicht passte. Dann sprang dankenswerterweise in der Vorbereitung Fabian Lüdke noch mal in sehr bewährter Weise ein. Und schließlich absolvierte Abteilungsleiter Thomas Klatt als Interimstrainer eine erfolgreiche erste Halbserie, bevor dann ich als verantwortlicher Mann kam.

Turbulent ging es ja auch im Spielerinnen-Kader zu…

Das kann man wohl sagen. Der MTV startete mit einer Mannschaft, die viele für einen Aufstiegskandidaten hielten. Doch dann verließen schon im Herbst drei sehr erfahrene Damen das Team, was plötzlich zu einer völlig anderen Situation führte. Aber wir haben alles noch sehr gut gemeistert. Auch, als in der zweiten Halbserie noch gravierende Verletzungen hinzukamen.

Was war die kritischste Phase?

Als wir von Ende Februar bis Anfang April vier Duelle gegen Kirchhof, Blomberg-Lippe II, die Füchse und den TSC hintereinander verloren und dann gegen den Letzten, nämlich Bayreuth, zwar 28:27 gewannen, aber ganz schwach spielten.

Und welche Abschnitte bleiben Dir als besonders gelungen in Erinnerung?

Da muss man den 30:23-Sieg bei der Leipziger Bundesliga-Reserve nennen. Martyna Rupp, die bis dahin in Angriff und Abwehr eine fabelhafte Saison absolvierte hatte, war gerade mit dem angerissenen Kreuzband ausgefallen. Während der Partie mussten wir auch noch mehr als 20 Minuten lang auf Sophie Lütke – Kapitän, Spielmacherin und Torjägerin – verzichten. Ebenfalls wegen einer Verletzung. Wie sich in dieser Phase andere, allen voran Mandy Gramattke als Leader, zu Glanzleistungen aufschwangen, das war großartig. Auch die beiden tollen Siege zum Saisonabschluss, das 27:17 in Frankfurt (Oder) und das 28:24 gegen Markranstädt muss man in diesem Zusammenhang nennen. Möglich machte das vor allem der große Zusammenhalt des Teams, das sich auch von der erwähnten kritischen Phase nicht herunterziehen ließ. Dieser Zusammenhalt war in der Saison das höchste Gut und letztlich der größte Faktor für den dritten Platz. Ich glaube, das wurde auch vom MTV-Umfeld sowie den Fans registriert und toller Stimmung in der Halle honoriert.

Was waren für Dich die größten Überraschungen der Saison? Beginnen wir mit den positiven…

Toll war, wie sich bei uns einige der jungen Spielerinnen entwickelt haben. Anne-Christine Miniers zum Beispiel, die ja vor der Saison aus Berlin-Köpenick kam, dort vor dem Wechsel von der sechsten in die fünfte Liga aufgestiegen war. In den letzten beiden Spielen wurde sie mit spektakulären Toren aus dem linken Rückraum mit zur Matchwinnerin. Was für ein Leistungssprung. Der ist auch bei der 17-jährigen Melanie Wüstner zu registrieren, die auf Rechts- und Linksaußen eingesetzt wurde. In der Zukunft ist sie vielleicht sogar mal mit ihren spielerischen Fähigkeiten eine für die Regie-Position. Melli entstammt dem MTV-Nachwuchs. Ihre Entwicklung sollte für junge Mädchen aus Altlandsberg und der Umgebung ein riesiger Ansporn sein, es auch mal in unsere erste Mannschaft zu schaffen.

Wie sieht es bei den Konkurrenz-Teams aus?

Von den Füchsen haben wir ja schon gesprochen. Die dominierten durch ihre riesige individuelle Qualität und durch ihren Zusammenhalt. Kirchhof überzeugte mit großen taktischen Fähigkeiten. Das Blomberg-Lippe-Juniorteam glänzte mit seinem unglaublichen Tempo. Fritzlar hatte aus meiner Sicht die beste Abwehr – und brachte es dennoch nur auf den fünften Rang. Am Beispiel Fritzlar sieht man einfach, wie vielfältig man aufgestellt sein muss, um ganz oben mitzuspielen. Eine bärenstarke Abwehr ist Grundvoraussetzung für den Erfolg, reicht aber alleine nicht mehr aus.

Womit wir schon bei den negativen Überraschungen wären…

Da will ich mich kurz fassen. Den Berliner TSC und den Frankfurter HC hätte ich aufgrund ihres Kaders weiter vorn erwartet, wobei dem FHC allerdings auch länger einige wichtige Spielerinnen verletzt ausfielen.

Zu einem ganz komplizierten Thema: Wie soll der Abgang von Sophie Lütke, die nach acht Jahren MTV zu Union Halle-Neustadt in die zweite Liga wechselte, spielerisch und von der Persönlichkeit her kompensiert werden?

Ich weiß nicht, ob man eine Frau mit den Qualitäten von Sophie Lütke in der dritten Liga überhaupt ersetzen kann. Sie ist eine absolute Führungsspielerin. Eine, die die sogenannten einfachen Tore machte, wenn es nottat, die die anderen mitriss. Eine, auf die man sich absolut verlassen konnte. Auf und neben dem Spielfeld. Und Rike hat trotz ihrer außergewöhnlichen Qualitäten überhaupt keine Star-Allüren, anders als welche, die auch schon für den MTV spielten. Die Lücke, die Sophie hinterlässt, kann nur kollektiv geschlossen werden. Angeführt von Leadern wie Martyna Rupp und Mandy Gramattke, die mir ja bereits in der vergangenen Saison sehr hilfreich waren. Die junge Spielerinnen sozusagen an die Hand genommen haben.

Sophie hatte als Kapitän auch organisatorisch viel geregelt…

Das muss die Mannschaft ebenfalls in den Griff bekommen. Ein Erwachsenen-Team muss dazu in der Lage sein, sich weitgehend selbst zu organisieren. Das sind doch alles intelligente, junge Damen.

Letzte Frage für heute: Was war in der vorigen Saison zu erkennen? Wohin geht der Trend im Drittliga-Handball der Frauen?

Ganz klar zur weiteren Tempoverschärfung. Das wird auch eine Aufgabe für uns sein. Große Reserven sehe ich bei allen Teams noch in der taktischen Flexibilität. Auch daran müssen wir arbeiten. Der Anfang ist schon gemacht, wenn ich nur ans Spiel ohne Torwart und der siebenten Aktiven auf dem Feld denke. Das haben wir schon recht gut praktiziert. Es hat uns bisher jedenfalls mehr genutzt als geschadet.

Im 2. Interview-Teil am Donnerstag: Es geht es um die Planungen für die Saisonvorbereitung. Ums Trainingslager, um Turniere. Mit welchem Trainer- und Betreuerteam geht es weiter. Es geht darum, was Andy Nötzel von den feststehenden und noch kommenden Neuzugängen erwartet. Wie es zum Beispiel mit Katarina Pavlovic oder Tülay Bayram weitergeht. Die sind große Hoffnungen, konnten aber ihre Fähigkeiten wegen der Verletzungen bisher kaum oder noch gar nicht zeigen. Es lohnt sich, dran zu bleiben.

Bild oben: Trainer Andy Nötzel in einer Spiel-Auszeit mit seinem MTV-Team.

Foto: Jürgen Sellert

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